Isle of Iona – die heilige Insel

Schottland 2018 – Teil 3

Ein frischer Wind wehte um meine Ohren, als ich an dem kleinen Fähranleger (es handelte sich dabei um eine Asphaltschräge direkt ins Meer) auf das Gefährt wartete, was mich auf die Isle of Iona bringen sollte. Neben mir versammelten sich ein paar weitere Fahrgäste. Die deutsche Touristenfamilie an meiner Seite konnte ich nicht ignorieren, da mir ihre Gespräche in den Kopf fuhren. Meine Muttersprache reflektierte ich in diesem Moment besonders, da ich nie im Leben damit gerechnetet hätte, hier draußen darauf zu stoßen. Ich befand mich am Ende einer Insel, vor mir erstreckte sich das weite Meer. Die Isle of Iona in ein paar Kilometern Entfernung konnte ich in Gänze sehen – ein kleines Stückchen Erde, das einfach so auf dem Wasser schwamm. Ich war definitiv am Ende der Welt.

Trotz des starken Windes an diesem Tag, lag der Atlantik in strahlendem blaugrau ziemlich reglos unter dem Schiff. Die Fähre war nicht einmal halb so groß, wie jene mit der ich zur Isle of Mull gefahren war. Beinah gemütlich saß ich mit anderen Reisenden in Reih und Glied an Deck, blickte auf das glitzernde Wasser, ließ mir die salzige Luft um die Nase wehen und genoss einfach den Moment. Da war ich nun und schipperte gerade das zweite Mal in meinem Leben über das offene Meer. Es wirkte so unglaublich einfach und zugleich absolut surreal, dass ich diesen Moment fernab von zuhause erleben durfte. Das Gefühl der Dankbarkeit sollte mich an dem Tag begleiten. Vielleicht lag es an der Ausstrahlung der alten Iona Abbey oder aber an der realisierbaren Endlichkeit dieses Ortes.

Eingesperrt in der Freiheit

Nach knapp zwanzig Minuten betraten meine Füße beinah ehrfürchtig den heiligen Boden von Iona. Ein Gefühl der Beklemmung umfing mich. Ich ertappte mich dabei, wie mir bewusst wurde, dass ich ohne die Fähre nie wieder anderes Land erreichen würde, dass ich hier wirklich abgeschnitten von der gesamten Außenwelt war. Ich konnte beide Enden der Insel fast erkennen. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, mich so frei wie nie zuvor zu fühlen. Doch ganz im Gegenteil: Ich kam mir vor wie in einem Gefängnis mitten auf See, dem Wenigen, was es auf der Insel gab und den Naturgewalten ausgeliefert. Da Iona eine recht baumlose Insel ist, gab es nur zwischen den wenigen, flachen Häuschen etwas Windschutz. Hätte man auf dem größten Hügel ein überdimensionales Segel gestellt, wäre die Insel vermutlich mit dem Treiben der Luft davongeschwommen.

Die Suche nach der Ruhe

Um das beklemmende Gefühl loszuwerden, flüchtete ich mich in eine kleine Bucht und beobachtete die hölzernen Fischerboote, die auf den winzigen, glitzernden Wellen leise hin und her schwebten. Mein Blick viel zurück auf die Isle of Mull. So begrenzt sie in ihrer Fläche ebenfalls war, erschien sie mir plötzlich so riesig und sicher. Ich war in diesem Augenblick sehr froh darüber später wieder in ihren schützenden Hafen zurückkehren zu können. Doch mit jeder Minute, die verstrich, gewann ich an Sicherheit und reflektierte die Ruhe und natürliche Schönheit, die dieses kleine Fleckchen Land ausstrahlte. Langsam begann ich durch die winzigen Straßen zu schlendern und entdeckte hinter einer Kirchenruine das Schild zu einem Herritage Center. Hinter dem Gebäude versteckte sich ein baumgeschützter, schattiger Garten eines Cafés. Perfekt für eine späte Mittagspause. Schließlich meldete sich mein Magen langsam. Mit Karottensuppe und Cappuccino setzte ich mich in die schmalen Sonnenstrahlen, die die dichte Baumkrone einer alten Eiche hindurchließ und beobachtete die junge Kellnerin, die gemächlich wie ein gemütliches Kamel die Bestellungen an die Tische trug. Irgendwie schien es, als hätte hier jeder ein viel langsameres Tempo in die Wiege gelget bekommen. Mit Blick auf meine Uhr gewann ich sogar den Eindruck, als würde selbst die Zeit auf dieser Insel langsamer laufen. Insgeheim fragte ich mich, was die Menschen hier trieben, wenn keine Touristen unterwegs waren. Aus Neugier testete ich die mobilen Daten meines Telefons: Kein Netz. Nichts. Ich hätte nich einmal telefonieren können. Wieder einmal wurde ich mit einer Tatsache konfrontiert, die ich in heutigen Zeiten so nicht mehr kenne. Ein Leben ohne das Wort Digitalisierung. Und wisst ihr was? Ich fand es großartig.

Summende Hügel

Nach meiner Stärkung beschloss ich den schmalen asphaltierten Weg zur Iona Abbey zu laufen. Bereits im sechsten Jahrhundert wurde auf Iona ein Kloster errichtet, das zu den christlichen Kerngebieten in Schottland zählte. In den folgenden Jahrhunderten fiel es unter anderem immer wieder Wikingerüberfällen zum Opfer und wurde im 11. Jahrhundert schließlich aufgegeben. Die heutige Klosteranlage wurde in den 1930er Jahren wieder aufgebaut. Ich mochte es mir einbilden, doch der ganze Ort strahlte etwas mystisches aus. Als mich meine Füße daran vorbei und weiter in den Norden der Insel führten, begann die Insel zu summen. Zu meiner Linken ragte der knapp 100 Meter hohe Hügel Dùn Ì auf. In ihm schien sich der Wind zu verfangen, sodass Iona sang. Es war magisch.

Am Anfang der Unendlichkeit

Die kleine asphaltierte Straße endete irgendwann und ich lief durch ein Gatter auf die Weiten einer schier endlosen Wiese hinaus, bis sich dahinter das Meer auftat. Zwischen saftigem Grün unter mir, dem strahlenden Hellblau des Himmels und der blaugrauen Unendlichkeit des Meeres konnte ich kaum glauben, dass ich mich noch auf dieser Welt befand. Während ich mich staunend im Kreis drehte, spürte ich irgendwann das Lächeln auf meinem Gesicht. Mit einem Mal fühlte ich mich sicher, geerdet und zufrieden. Wenn ich die Isle of Iona mit einem Wort beschreiben müsste, würde ich sagen: friedlich.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Memories – wie geil. Du hattest das Glück die Insel in der Sonne zu erleben. Wir waren im schottischen Unwetter da, aber auch da war es ein tolles Erlebnis ;-).

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